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Gedanken zu den Skulpturen von Jolanta Switajski-Schaefer /Wolfram Frommlet, Ravensburg, 2018

 

Holz war Leben, bevor es gefällt wurde, seiner Lebensadern beraubt – Äste, Blätter oder Nadeln, Wurzeln. Leben für andere – den Menschen, dessen Umwelt, dessen Planet ohne Bäume bedroht ist. Ein Baum wächst, lebt in Zyklen über Jahrzehnte, oft weit über 100 Jahre. Zyklen, die nicht berechenbar, nicht vorhersehbar sind – jedes Jahr ein neues Risiko, ein neuer Kampf gegen das Sterben, um Wachstum. Wie in der Mehrzahl menschlicher Leben. Und, wie bei den Menschen – alleine, ungeschützt durch ein Kollektiv, überleben nur die Stärksten. Die Mehrzahl im Kollektiv – im Wald. Zum Stamm reduziert, entwurzelt, wird der Baum, wird ein Leben aus der Natur, zum toten Material. Geschnitten, gehobelt, geglättet, poliert oder gewachst, „dient“ er, an fremdem Ort, anderen – im besten Fall als Bereicherung.

 

Jolanta Switajski-Schaefer arbeitet mit Holz. Mit totem Holz, das sie mit harten, mit rohen Einschnitten bearbeitet zu Skulpturen. In ihren Arbeiten geschieht das Gegenteil zu dem, was aus Holz als Funktionsmaterial entsteht – Balken, Decken, Tische und Türen, funktionabel, ästhetisiert, perfektionisiert.

Jolanta Switajski-Schaefer gibt dem Holz, dem Stamm zurück, was er hatte – Individualität in feinen Nuancen. Oberflächlich betrachtet, scheinen ihre Skulpturen sich sehr ähnlich zu sein. Fast immer Frauen. Zerfurchte Gestalten alle, wie die Rinden von Bäumen, die weggeschält werden, allenfalls verwertbar in Öfen. Schrundig sind ihre Frauen, wie früher die Hände von Bäuerinnen, von Hopfenpflückern, von Bau- und Bergarbeitern. Das eint sie. Genauer hingeschaut aber blieben ihnen, trotz der brutalen Eingriffe der Motorsäge, Spuren einer Individualität in den Gesichtern Sie bewahrten das Minimum eines Ichs.

 

Die matten, diffusen Farben, die Switajski ihren Skulpturen gibt, wirken wie die Nebel über den Geschichten, über den Seelen und Verletzungen, von denen sie alle zu erzählen hätten, sie sind ein zarter Schutz der verletzten Biografien darunter. Milchig wirken sie gelegentlich, wie die Rudimente des Fraulichen, das sie einst mal hatten.

Was die meisten Figuren eint ist die gebeugte Haltung, sind die Krümmungen ihrer Körper- in den vielen Wirklichkeiten, bis heute, die Folgen zu vieler Geburten, doppelter Arbeitsbelastung, unzureichender Ernährung und der endlosen Wege, die sie in ihrem Leben zurücklegten.

Diese Abbilder ausbeuterischer Arbeit, eines Frauenbildes, dem entsprechend sie zu dienen, zu funktionieren haben, findet man bei jenen Literaten, die nicht zum Amüsement des Bürgertums und der Bourgeoisie schrieben, und nicht nach dem Motto an der Fassade der zerbombten und wiederaufgebauten Frankfurter Oper – „Dem Guten, Wahren, Schönen.“ Bei Zola und Döblin. Gorki und Gogol, Gerhardt Hauptmann oder den schwarzen Frauen wie Angela Davis in der amnerikanischen schwarzen Selbstbewusstseinsbewegung. Und bei Autoren aus Afrika, Asien und Lateinamerika, aus dem Orient, die denen eine Stimme geben, die in der Wirklichkeit der kolonialen wie der post-kolonialen Gesellschaften keine Stimme hatten und haben – global sind dies bis heute mehrheitlich Frauen. Man findet Switajski-Schaefers Frauentypen bei jenen Künstlern, die ihre Seelen, ihre Werte nicht verkauften an den Kulturbetrieb, an den mainstream (nach ihrem Tod wurden viele zum Spekulationsobjekt, da störten die künstlerischen Verarbeitungen von Armut und Krieg nicht mehr)  - Klee, Dix, Beckmann, Kirchner, Barlach oder Käthe Kollwitz.

 

In dieser Ausstellung ist eine Skulptur mit dem Titel „vereint“ zu sehen, die beispielhaft ist für die Gedanken dieser Künstlerin: Drei Frauen, aufrecht. Oder darf man vermuten, dass sie sich selbst aufgerichtet haben? Aus der beugsamen, gebeugten, erniedrigten Position, die wir in anderen Arbeiten finden? Starr, streng. Nein, da ist keine Kraft für, keine Erfahrung mit der eigenen Sinnlichkeit, keine Öffnung nach außen. Sie stehen eng zusammen, berühren sich, blicken ins Unsichtbare, ins Ungewisse, aber, immerhin – sie blicken aufrecht, nach vorne, nicht nach unten. Dies ist für die Mehrheit der Frauen weltweit noch ein Traum.

Die Skulptur erinnert an die Zeilen aus einem Gedicht des türkischen Dichters Nazim Hikmet

Leben! Wie ein Baum

einzeln und frei

und brüderlich

wie ein Wald

dies ist unsere Sehnsucht