...den eigenen Schmerz über den Schmerz der anderen sehen...

Sie kamen

mit scharfen Fahnen

und Pistolen

schossen alle Sterne

und den Mond ab

damit kein Licht uns bleibe

damit kein Licht uns liebe

Da begruben wir die Sonne

Es war eine unendliche Sonnenfinsternis

 

/ Rose Ausländer

Wolfram Fromlett:

 

Vernissage Jolanta Switajski-Schaefer, 6. April 2017, Heilig-Geist-Spital

 

Auschnitt:

 

...die Zahl der Menschen global, die dieses Wort nicht kennen, geschweige denn die Realität, ist in den letzten 50 Jahren erschreckend angestiegen;   die Kunst der Moderne, des 20. Jahrhunderts bis heute, die mich geprägt  hat, die mir Vorbild war und ist, hatte die Menschenrechte, hatte Menschenwürde zum Thema.  Aber, indem die Literaten, Komponisten und Bildenden Künstler das Gegenteil von Menschenwürde thematisierten -  Armut, Ausbeutung, Vertreibung und politische, ethnische Verfolgung. Revolutionär, radikal, mutig.

Emile Zola, oder Alfred Döblin, in ihrem investigativen Naturalismus;
Upton Sinclair in den Schlachthöfen und Fabrikhallen des neuen amerikanischen Kapitalismus;
Gerhardt Hauptmann, als er die Ausgestoßenen, die Wertlosen, die Weber auf die Bühne brachte zum Entsetzten des saturierten Bürgertums;

Georg Büchner mit seinem aufrührerischen Hessischen Landboten; 
Otto Dix, Ernst Ludwig Kirchner, vom mörderischen Nationalismus des I. WK traumatisiert; die Skulpturen von Ernst Barlach und Käthe Kollwitz, die ein Ende machten mit dem verlogenen Schönheitsbegriff der Bourgeoisie. Paul Celan mit seiner „Todesfuge“, Benjamin Britten mit seinem „War Requiem“, Arnold Schönberg mit „Ein Überlebender aus Warschau“. Um nur wenige zu nennen, die eine neue, humanitäre Kunst schufen. Viele wurden unter den fürchterlichen Ideologien des 20 Jhd. vernichtet, wie zuvor unter Kirche und Adel.

Diese künstlerische Haltung, den eigenen Schmerz über den Schmerz der anderen sehe ich in den Skulpturen dieser Ausstellung...

 

wo der Staat sagt:

»Um die Gewalt zu bekämpfen

darf es keine Gewalt mehr geben

außer meiner Gewalt«

 

Die Gewalt herrscht

wo irgendwer

oder irgendetwas

zu hoch ist

oder zu heilig

um noch kritisiert zu werden

 

oder wo die Kritik nichts tun darf

sondern nur reden

und die Heiligen oder die Hohen

mehr tun dürfen als reden

 

Die Gewalt herrscht dort

wo es heißt:

»Du darfst Gewalt anwenden«

aber oft auch dort wo es heißt:

»Du darfst keine Gewalt anwenden«

 

Die Gewalt herrscht dort

wo sie ihre Gegner einsperrt

und sie verleumdet

als Anstifter zur Gewalt

 

Das Grundgesetz der Gewalt

lautet: »Recht ist, was wir tun.

Und was die anderen tun

das ist Gewalt«

 

Die Gewalt kann man vielleicht nie

mit Gewalt überwinden

aber vielleicht auch nicht immer

ohne Gewalt

 

Diese kniende, verhärmte Skulptur, mit den winzigen Kindersarg in ihren Händen. Immerhin, sie hat einen Sarg, vielleicht sogar noch ein paar Tränen. Viele in den Ländern des Südens, ja sogar inzwischen in Ländern Osteuropas, sehen ihre Kinder nie wieder. Mehr Kinder als zu den schlimmsten Zeiten des Kolonialismus irren durch die Länder des Südens, machen sich auf die tödliche Reise nach Europa, von Afghanistan, von Syrien, in die Megastädte Asiens, Lateinamerikas, Afrikas, wie die Frauenskulpturen, reduziert auf einen Strich Haut und Skelett, auf der Suche nach Dingen, die sich unserer Vorstellung entziehen: Essensabfall, Kinderarbeit, eine versiffte Matratze, eine Gruppe, die sich gegenseitig schützt vor Vergewaltigung. Auf den Müllbergen vor Lagos oder Nairobi zerlegen sie unseren Elektronikabfall, ersticken an den Giften. Und werden selbst zu menschlichem Abfall. Was wir in der Mediengesellschaft täglich sehen könnten, wenn wir es nicht verdrängten. Menschenwürde?

...

 

 

Menschenwürde zu schaffen, zu erkämpfen, hat es immer Mutige, Aufrechte, Unbestechliche gebraucht, Visionäre, Träumer von einer besseren Welt, Utopisten  mit konkreten Utopien, nicht in irgendwelchen jenseitigen Paradiesen, sondern im Hier und Heute

Diese Fähigkeiten beginnen sehr früh – mit dem Kleinkind, in der Schule –

Der Mensch, der Menschenwürde leben und geben soll als Erwachsener,

muss ohne Gewalt aufwachsen und in der Gleichberechtigung der  Geschlechter  – doch jedes siebte Kind in dieser Demokratie erfährt Gewalt statt Würde: dies zu ändern aber bedarf es nicht steigender Rüstungsetats, ob bei uns oder unter Trumps sozialchauvinistischem Budget, dafür bedürfte es der Zig Milliarden, die Konzerne weltweit verschieben in Steuerparadiese, und die in Schulen fehlen, in Kulturzentren und Wohnungsbau, in dem Wärme und Gemeinschaft gelebt würde statt Gewalt.
Menschenwürde braucht Empathie fähige Individuen und Gemeinschaften, braucht Gefühl und Mit-Gefühl für andere, und einen ganzheitlichen Kulturbegriff: nicht anthropozentrisch, auf den nur Menschen fixiert, sondern in Harmonie mit Natur und Tier. Auch sie haben ein Recht auf Würde.

Zum Schluss deshalb noch die Poesie einer zärtlicheren, weiblicheren Welt

 

Gioconda Belli               (Nicaragua)

Die Träger der Träume

In allen Prophetien

steht die Zerstörung der Welt geschrieben.

Alle Prophetien erzählen

dass der Mensch seinen eigenen Untergang erfinden wird.

Doch die Jahrhunderte und das sich stets erneuernde Leben

haben auch ein Geschlecht der Liebenden und Träumer gezeugt;

Männer und Frauen, die nicht von der Zerstörung der Welt träumten

sondern vom Aufbau einer Welt der Schmetterlinge und Nachtigallen.

Von klein auf waren sie von der Liebe gezeichnet.

Hinter ihrer alltäglichen Erscheinung

bewahrten sie die Zärtlichkeit und Mitternachtssonne.

Ihre Mütter fanden sie, wie sie über einen toten Vogel weinten

und später fanden sie dann auch viele von ihnen getötet wie Vögel.

 

Diese Wesen haben sich mit durchscheinenden Frauen gepaart

schwängerten sie mit Honig und Kindern, nach einem Winter

der Zärtlichkeiten

die grünen Triebe.

So haben sich auf der Welt die Träger der Träume vermehrt,

wild angefeindet von den Trägern geschwätziger Prophetien des Untergangs.

Getäuschte, Romantiker, utopische Denker wurden sie genannt

es hieß, ihre Worte seien alt

und das waren sie, in der Tat, denn die Erinnerung

an das Paradies ist alt

im Herzen des Menschen

Jene, die Reichtümer anhäuften, fürchteten sie

und schickten ihre Heere gegen sie,

doch die Traumträger liebten sich jede Nacht

und weiter spross der Samen aus dem Leib derer,

die nicht nur Träume austrugen, sondern sie vermehrten

und sie laufen und sprechen lehrten.

Auf diese Weise hat die Welt ihr Leben neu gezeugt

wie sie auch jene gezeugt hatte, die entdeckten,

wie die Sonne zu löschen ist.

 

Anregungen sollten dies sein, die Skulpturen zu erkunden, in ihrer Wirkung auf die Besucher. Intellektuelle Erklärungen erspare ich Ihnen. Vielen Dank.